"Brennpunkt Geschichte"

Vergangenes in der Gegenwart betrachtet

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Wichtig: Pascal Föhr weist darauf hin, dass Klaus Gantert über den Verlag DeGruyter ein Verzeichnis digitaler Ressourcen für Historiker bereithalt.
((“El. Informationsressourcen für Historiker” http://feedly.com/k/10HrBHS))

Fortsetzung des gemeinsamen Beitrags von Daniel Bernsen und Alexander König

Annäherung an den Begriff (historischer) “Lernort” im mobilen Geschichtslernen

“Lernort” ist nicht nur in der geschichtsdidaktischen Diskussion eine höchst schwammiger Begriff, der eine Präzisierung benötigt. Nach Demantowsky (in: Handro/Schönemann, Hg., 2008, 149) wird der historische Lernort hier nicht metaphorisch, sondern als “realer, topographischer Ort” verstanden. Es gilt Modi zu bestimmen, die aus dem Verhältnis des jeweiligen Orte zum Lernenden und zum Lernprozess folgen. Demantowsky unterscheidet historische Lernorte in seiner Typologie nach den Qualität der Orte in Bezug auf ihren geschichtskulturellen Charakter: den gegenwärtigen und vergangenen Umgang mit ihnen, sowie nach Veränderungen an den Orten selbst. Er postuliert dabei, dass für die Geschichtdidaktik und den Geschichtsunterricht Überreste an sich nicht interessant seien, sondern nur als “geschichtskulturelle Traditionen” (ebd., 155).

Die Nutzung digitaler Endgeräte kann die Orte historischen Lernens erweitern. Auch Überreste, also nicht-intentional überlieferte Relikte aus der Vergangenheit, werden als Orte mobilen Geschichtslernens interessant, weil sie durch zusätzliche Materialien, Quellen und Darstellungen (Fotos, Pläne, Briefe etc.) angereichert und damit “lesbar” gemacht werden können. An, mit und durch Medien werden sie in ihrem Gehalt für historische Lernprozesse dechiffrierbar, so dass sie prinzipiell auch “historischen Laien” zugänglich werden. Für die Vorbereitung und das Anstoßen von Lernprozessen ist dabei das Verhältnis von topographischem Ort und digitalem Endgerät in Beziehung zum Geschichtslernen zu bestimmen. Es macht vor dem Hintergrund des zugrunde gelegten relationen Verständnisses historischen Lernens durchaus Sinn, sowohl den Ort als auch das Endgerät mit seinen unterschiedlichsten Funktionen als Medien zu bestimmen. Mobiles Geschichtslernen wird in dieser medialen Dopplung der Reflexion zugänglich.

Aufbauend auf unserem Beitrag “Medien und historisches Lernen” lässt sich mobiles Geschichtslernen als besondere Form historischen Lernens in vier verschiedenen Modi kategorisieren. Diese vier Modi geben eine grundlegende Systematik für die didaktische und methodische Planung historischer Lernszenarien an die Hand. Die historischen topographischen Orte werden dabei als Quellen im weiten Medienbegriff der digitalen Geschichtsdidaktik fass- und in ihrer Funktion für den Lernprozess bestimmbar (“Vergangenheit [ist] immer nur medial vermittelt zugänglich”. Siehe: Bernsen/König/Spahn 2012, 15). Die aufgeführten Punkte sind exemplarisch zu verstehen:

1) Lernen an Medien als Lernobjekte erster Ordnung
a) Orte als Quelle: Alle historischen topographischen Orte haben selbst Quellencharakter. Sie geben unmittelbar Aufschluss über und Einblick in ihre Vergangenheit. Historisches Lernen findet situiert und vor Ort statt. Der Erkenntnisprozess ist insofern selbst an den Ort gebunden ist. In der Regel handelt es sich dabei um materielle Überreste oder Traditionen (z.B. in Form von Denkmälern oder repräsentativen Bauwerken), die uns überliefert sind, und die erste durch zusätzliche Informationen zum “Sprechen” gebracht werden.
Um dies zu verdeutlichen wird das Lernen an Denkmälern im folgenden näher betrachtet: Bereits die Verortung in der konkreten Umgebung, aber auch ganz persönliche Eindrücke können Hinweise auf bauliche Wirkungsabsichten geben. Eine ganzheitliche und möglichst detaillierte Beschreibung des Orts, also des Denkmals und seiner “Umwelt”, macht es (durch die Versprachlichung der Wahrnehmung) zugänglich. Eventuell lassen sich Veränderungen über die Zeit feststellen und Spuren vormaliger Nutzung, von Widmungen und ggf. Umwidmungen (z.B. anhand von Ausstreichungen oder Ergänzungen) feststellen.
Auf jeden Fall liefert die eingehende Beschäftigung mit dem Ort, d.h. sowohl die Beschreibung als auch Lokalisierung im Raum, Elemente, die anschließend für eine Interpretation nutzbar gemacht werden können.

b) Digitale Endgeräte an sich sind in diesem Modus selbst kein Medium an dem historisch gelernt wird. Gleichwohl können digitale Endgeräte, wie Smartphone oder Tablet, zusätzliche Medien bereitstellen bzw. – im Sinne einer Binnendifferenzierung durch Individualisierung – vorhalten und zugänglich machen, die zum “Lesen” der Orte als Quellen hilfreich, bei Überresten in der Regel notwendig sind. Das können beispielsweise Quellentexte zur Baugeschichte, alte Fotografien, 3D-Modelle oder wissenschaftliche oder touristische Darstellungstexte sein, die vor Ort genutzt und in Beziehung zum gegenwärtigen Zustand und Aussehen des Ortes gesetzt werden.

2) Lernen mit Medien als Werkzeuge

Die oben genannten Materialien als Lernobjekte erster Ordnung können ortsunabhängig auf mobilen Endgeräten über Internetseiten oder auch ortsgebunden durch QR-Codes bereitgestellt oder in einem Cache versteckt werden. Digitale Endgeräte ermöglichen also die Arbeit mit Materialien in verschiedenen Wahrnehmungsmodi und Codierungen (Texte, Bilder, Audio oder Video).
Sie unterstützen als Werkzeuge historisches Lernen oder ermöglichen dieses sogar erst. Mobile Devices besitzen als multifunktionale Geräte zahlreiche Features, die zu Initiierung und Aufrechterhaltung von Lernprozessen genutzt werden können. An dieser Stellen können nur einige der vielen möglichen Aktivitäten beispielhaft genannt werden:

  • Entdecken: Sammeln von Assoziationen, unmittelbaren (Sinnes-)Eindrücken, Emotionen als schriftliche Notizzettel, in einem Dokument oder auch als Ton- oder Videoaufnahme
  • Beobachten: Systematischer und ggf. auch methodisch geleiteter Zugang, z.B. Fotos vom Lernort anfertigen lassen, Auffälligkeiten festhalten
  • Prüfen: z.B. von bereits im Unterricht thematisierter Einzelaspekte politischer oder religiöser Symbolik
  • Lokalisieren: Präzise Bestimmung des eigenen Standpunkts und des Ortes als Untersuchungsobjekt auf einer Karte mit Hilfe von GPS und digitalen Karten; Einbettung in städtebauliches Ensemble, Herstellen von Bezügen zu anderen Orten, Erweiterung der Wahrnehmung über eigenes Sichtfeld hinaus
  • Kommunizieren: Über soziale Netzwerke, Chat, Videokonferenz, Mail, Telefon ist eine “vernetzte Individualisierung” in Form ortsungebundener Kommunikation möglich, um eigene Kontakte als “persönliches Lernnetzwerk” (PLN = personal learning network) zum Austausch von Ideen und für weiterführende Fragen zu nutzen
  • Befragen: Verankerung einer Erinnerungsorts, historischen Orts im “kollektiven Gedächtnis” einer Stadt und Wahrnehmung durch Aufnahme von Interviews mit Passanten in Form einer Stichprobe erfassen
  • Dokumentieren: Unterstützung des Erschließens und Festhaltens von Orten durch Nutzung von z.B. kollaborativ erstellten Mindmaps oder Etherpads, Dokumentation von Befragungen mit Ton- oder Videoaufzeichnungsfunktion des Handys, Anfertigung von Bild- und Videoaufnahmen ggf. unter Zurhilfenahme der Zoomfunktion beim Entdecken, Beobachten und Prüfen
  • Kombinieren: Aufzeichnung mit (Meta-)Reflexion, Formulierung von Hypothesen und weiterführender Fragestellungen durch Verknüpfen von Ergebnissen aus den oben angeführten Tätigkeiten

Manchmal hat man den Eindruck, dass die Erde still steht. Es geht nicht richtig voran. Die letzten Wochen unterscheiden sich von diesen Phasen. Die Entwicklung scheint sich zu überschlagen und plötzlich passiert einiges. Daniel und Christoph haben schon auf die wesentlichen Entwicklung hingewiesen. Ich greife diese einfach auf:

  1. Was mit ein paar Stichworten und Hypothesen zu einer “digitalen Geschichtsdidaktik” begann, wuchs innerhalb weniger Tage zu einem umfangreichen Artikel an. Er trägt den Titel “Medien und historisches Lernen: Eine Verhältnisbestimmung und ein Plädoyer für eine digitale Geschichtsdidaktik” und erscheint heute in der ersten Ausgabe der “Zeitschrift für digitale Geschichtswissenschaften”, die vom Netzwerk für digitale Geschichtswissenschaften an der Universität des Saarlandes herausgegeben wird. Leider hat es etwas mit der Veröffentlichung gedauert, so dass böse Zungen behaupten könnten, er sei schon veraltet. Daniel, Thomas und ich versuchen in diesem Beitrag den Diskussionstand zu digitalen Medien im Geschichtsunterricht zu umreißen. Wir plädieren angesichts des sich rasant beschleunigenden Medienwandels für eine stärkeren Beachtung des Digitalen durch die etablierte und institutionalisierte Geschichtsdidaktik. Dabei versuchen wir Medien relational zu bestimmen. Die Artikel sollen sich einem Open-Peer-Review unterziehen, zu dem ich euch alle herzlich einladen möchte. Kurz vor dem Historikertag und angesichts aktueller Tagungsankündigungen sind wir natürlich gespannt auf die Reaktionen.
  2. Vor gut drei Monaten bat mich die Bundeszentrale für politische Bildung um einen Beitrag zum Dossier Kulturelle Bildung zum Thema “Kulturelle Bildung und Geschichtsvermittlung“. Christoph hat schon in seinem Blog eine kurze Zusammenfassung mit den zentralen Aussagen geliefert. Der Titel meines Artikels lautet: “Geschichtsvermittlung in virtuellen Räumen: Eine kleine Geschichte technologischer Möglichkeiten und eine Prognose zur Zukunft historischen Lernens”. Kritisch bleibt im Nachgang anzumerken, dass der Begriff “Geschichtsvermittlung” im digitalen Zeitalter eher fremd und anachronistisch anmutet. Zukünftig wird es – gerade in der empirischen Forschung – darum gehen müssen, die Lernerseite – also das Geschichtslernen – zu akzentuieren.

Und einen Glückwunsch:

Ein Glückwunsch geht von dieser Stelle auch an unseren Kollegen Jan Hodel, der gestern in seinem Blog berichtete, dass er nach langer Arbeits- und Schaffensphase sein Dissertationsverfahren erfolgreich beendet hat.

Gemeinsamer Beitrag von Alexander König und Daniel Bernsen

Am letzten Freitag kam in Hübingen der erste Think Tank zum Mobilen Lernen in der historischen Bildung auf Anregung der Bundeszentrale für politischen Bildung und medien+bildung.com zusammen. 16 Leute mit unterschiedlichen Backgrounds (Programmierer, Schüler, Lehrer, Medienpädagogen etc.) diskutierten drei Tage in konstruktiver und produktiver Atmosphäre Einsatzszenarien historischen Lernens vor Ort unter Einbeziehung mobiler Endgeräten wie Tablets oder Smartphones. Einige dieser Gedanken und Thesen zu Mobilem Geschichtslernen wollen wir mit diesem Beitrag kurz vorstellen und in die Diskussion um eine digitale Geschichtsdidaktik einbringen.

Mobiles Geschichtslernen: Versuch einer Begriffsbestimmung
Die UNESCO hat die weltweite Entwicklung von Mobilem Lernen zu einem ihrer prioritären Ziele im Bildungsbereich erklärt. Sie definiert Mobiles Lernen dabei wie folgt:

“Mobile learning involves the use of mobile technology, either alone or in combination with other information and communication technology (ICT), to enable learning anytime and anywhere. Learning can unfold in a variety of ways: people can use mobile devices to access educational resources, connect with others, and create content, both inside and outside classrooms.” (PDF)

Mobiles Lernen meint also gemeinhin das ortsungebundene Lernen mit tragbaren digitalen Endgeräten. Für historisches Lernen mit digitalen Endgeräten sehen wir dabei drei unterschiedliche Einsatzszenarien:

  •  Digitale Endgeräte ermöglichen zeit- und ortsungebundenes historisches Lernen durch das Anschauen von Video, Hören von Podcasts, Lesen von Texten etc. überall und an jedem Ort.
  •  Lernprozesse an Lernorten wie Museum oder im Klassenraum werden durch die Nutzung digitale Endgeräte unterstützt bzw. angereichert
  • Digitale Endgeräte dienen als multifunktionale Werkzeuge und mobile Bibliothek beim entdeckenden Lernen an historischen Orten. Letzteres wird hier in der Folge als Mobiles Geschichtslernen bezeichnet.

In der mehrteiligen Beitragsserie, parallel in den Blogs “Brennpunkt Geschichte” und “Medien im Geschichtsunterricht” veröffentlicht wird, fokussieren wir dieses Mobile Geschichtslernen im Sinne einer Überwindung der “Grenzen des Klassenraums”, also historisches Lernen in Bewegung.

Mobiles Geschichtslernen Bernsen Koenig

Abb. 1: Fachdidaktische Überlegungen zum mobilen Geschichtslernen

Mobiles Lernen entkoppelt historisches Lernen von der Raumgebundenheit von Lernumgebungen wie Klassenzimmer, Bibliotheken, Museen oder Gedenkstätten und macht prinzipiell jeden (historischen) Ort zu einem potentiellen Ort für historisches Lernen. Mobiles Geschichtslernen ist zugleich ortsunabhängig (durch die Nutzung tragbarer Geräte) und ortsgebunden (wen das Lernen an historischen Orten in der Welt stattfindet). Es ist insofern orts(un-)gebunden.

Lernende bewegen sich durch Kulturlandschaften mit der Absicht an konkreten Orten (location based) eventuell auch spielerisch (game based) dem Gewordensein von Straßen, Plätzen, Bauwerken, Denkmälern usw. nachzuspüren. Lernende suchen, entdecken und dokumentieren mit Hilfe digitaler Medien in der sie umgebenden Lebenswelt Spuren der Vergangenheit.

Historische Lerngelegenheiten entstehen dabei erst durch den Einsatz tragbarer digitaler und multifunktionaler Endgeräte, da sie Möglichkeiten der Orientierung, Fokussierung, Sensibilisierung, Enthüllung, Recherche, Informationsverarbeitung und Archivierung bieten.  So können Wandel und Kontinuität entdeckt, Fragen generiert, historische Identitäten über den Zeitverlauf hinweg untersucht und Narrationen erstellt werden.

Verwendete  Bildmaterialien von OpenClipart.org

Auf ein interessantes Blog sei an dieser Stelle hingewiesen: Geo & Ges ist ein gemeinsames Blog der beiden Fachbereiche Geographie & Geschichte an der PH Karlsruhe (http://geoges.ph-karlsruhe.de/wordpress/). Zur Zielsetzung kann nachgelesen werden:

Eine umfangreiche Sammlung zum kompetenzorientierten Einsatz von Web 2.0 Anwendungen in den Fächern Geschichte&Geographie finden Sie in unserem Wiki. Die Seite ist noch im Aufbau. Unser Ziel ist es, geeignete Anwendungen vorzustellen und Ideen für den Unterrichtseinsatz zu geben. Bei allen Beispielen finden Sie zumindest einen Link auf die entsprechende Web 2.0 Anwendung.

Für die Hochschullehre und -didaktik eine beispielhafte Nutzung von Web 2.0-Werkzeugen. Es überwiegen bisher pragmatisch orientierte Beiträge, wie z.B. zum Lehrbuch der Zukunft (hier) .

Federführend sind die beiden Kollegen UlfKerber (@UlfKerber) und Christian Scholl.

P.S.: UlfKerber hat sich bereits in den Diskurs zur Frage einer digitalen Geschichtsdidaktik #gd_dig (hier) eingeschrieben.

P.S.S.: Werden sich auch die Kollegen von Hist|net bzgl. einer digitalen Geschichtsdidaktik angesichts der Tendenz zur “shattered history” im Zeitalter von copy & paste (hier) positionieren (wollen)? ;-)