"Brennpunkt Geschichte"

Vergangenes in der Gegenwart betrachtet

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Jan [Hodel] hatte sich zum heutigen Abend bereit erklärt, einen Online-Vortrag mit anschließender Diskussion zum Thema “Was hilft das Internet beim Historischen Lernen?” zu halten. Im Vorfeld wurden von meiner Studentengruppe der Übung “Digitale Arbeitsmethoden in der Geschichtswissenschaft” an der UdS Fragen formuliert, die ihm dann als Mail zugesandt wurden.

Jan stieg mit einem Bild ein: Robinson Crusoe, bepackt mit Beil, Flinte und Schirm, blickte über das unendliche Meer – eine Metapher die für die Situation der Geschichtsdidaktik bzw. der Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer in Anschlag gebracht wurde:

  • Wie stellt sich angesichts der (digitalen) Informationsflut die Befindlichkeit der Geschichtsdidaktik dar?
  • Sind wir [Lehrerinnen und Lehrer]  neue Fremde in [vormals?] vertraut geglaubter Umgebung?
  • Hofft man auf Rettung angesichts einer “neuen Unübersichtlichkeit”?
  • Oder ist die Weite ggf. Ansporn zur Auseinandersetzung, die Sehnsüchte einer Realisierung des [ganz] Anderen wachruft?

Angebote, wie der Europäische Computerschein suggerieren, Sicherheiten im kompetenten Umgang mit den [vermeintlich] ‘neuen Medien’. Derartig versicherte Fähigkeiten und Fertigkeiten sind heute in standardisierten Zertifikatstest kaum einzulösen. Es gibt kein Set ‘digitaler Geschichts-Online-Kompetenz’, das Allgemeingültigkeit beanspruchen könnte. Die von Jan andernorts formulierten ‘Kompetenzen’, Fähigkeiten und Fertigkeiten, sind vielmehr als Orientierungsrahmen zu lesen.[1]

Angesichts des digitalen Wandels sind Lehrkräfte indes aufgefordert, [neu?] zu lernen, mit Gewissheiten umzugehen. Hierzu gehört, dass “Vielfalt und Verschiedenheit” akzeptiert werden sollte. Diese Notwendigkeit zeigt sich m.E. auch in der “causa Zeittaucher”, die Diskussion um studentische Blog-Rezensionen und die vielfältigen Reaktionen darauf.

Als Maximen für ein geschichtsdidaktisch verantwortbares unterrichtliches Handeln könnten – so Jan – “Reflexion und Transparenz” gelten. Es müsse für Lehrkräfte, die mit den digitalen Medien arbeiten [wollen], darum gehen, offensiv neue Wege zu beschreiten. Dies sei nicht ohne Risiko. Auch das Scheitern derartiger Projekte (z.B. der Arbeit mit einem Wiki) sei mitzudenken. Dies kann aber als Chance positiv gewendet werden. Denn: Gerade aus Fehlern kann gelernt werden.

Insgesamt erscheine ein  reflektiver[er] Umgang mit Medien nötig, der Transparenz [Beweggründe, Absichten, Ziele] einfordere. Lehrende hätten hier Vorbildfunktion. Sie sollten selbst mit “gutem Beispiel” vorangehen und die Herkunft ihrer Informationen klar aufzeigen.

Seinen Impulsvortrag schloss Jan mit der Empfehlung, Gelassenheit walten zu lassen. Scheitern, Kritik und Fehlinformation sind  gerade in schulischen Kontexten [konstitutive] Bestandteile jeder Praxis. Anders wäre eine Einschätzung in wissenschaftlichen Zusammenhängen vorzunehmen. Allerdings sei zu bedenken, dass der Einsatz digitaler Medien weniger als Forderung der Schülerinnen und Schüler in Erscheinung trete. Sie würden durchaus einen Medienmix schätzen.  Allerdings wirke die Bildungspolitik (staatliche, wirtschaftliche und andere Interesse) vehement in das System Schule. Es bestehe deshalb die Gefahr, dass Medien als Selbstzweck eingesetzt werden würden. Aber die didaktischen Zielsetzungen sind von eigentlicher Bedeutung.

An den Impulsvortrag schloss sich eine interessante und facettenreiche Diskussion an, die hier nur in einzelnen Aspekte wiedergegeben werden kann:

Prof. Dr. Bettina Alavi fragte in der anschließenden Diskussion nach dem didaktischen (Mehr-)Wert netzgestützter Aufgabenformate unter zur Hilfenahme digitaler Werkzeuge (digital storytelling). Diese den Darstellungscharakter [bzw. auch Konstruktcharakter] von Geschichte betreffenden Formate würden von Studentinnen und Studenten oft nicht erkannt.

  • Wäre nicht eine fachdidaktische Typologie sinnvoll?

Jan antwortete, dass eine Typisierung von Aufgabenformaten wohl wünschenswert sei. Allerdings reiche es – aus seiner Perspektive kaum aus – lediglich die klassischen geschichtsdidaktischen Gestaltungsprinzipien anzulegen. Vielmehr seien Schnittstellen zwischen Medientheorie und Geschichtsdidaktik ausfindig zu machen , um Eigenheiten und Spezifika des Einsatzes digitaler Medien im Geschichtsunterricht herauszuarbeiten.

In diesem Zusammenhang sprach Jan Aufgabenformate im digitalen / virtuellen Medium an, an die ich bis dato noch nicht gedacht hatte, z.B.

  • Copy-und-Paste-Collage: Schülerinnen und Schüler suchen Texte [Textfetzen?] im Netz, die sie neu arrangiert zu einer geschlossen Darstellung zusammenfügen.

_________

[1]  Hodel, Jan: Digital lesen, digital schreiben, digital denken? Über den kompetenten Umgang mit Geschichte im Zeitalter des digitalen Medienwandels. In: Jorio, Marco (Hg.): Am Anfang ist das Wort. Lexika in der Schweiz, Baden: Hier und Jetzt 2008, S. 113-125.

Achtung “Die Blogosphäre schlägt zurück” – oder: Wo ich die Gefahr sehe, dass Netzdiskurse zu Selbstläufern werden!

Über den Blog von Daniel bin ich auf ein Projekt von Dr. Christian Jung, Lehrbeauftrager an der Uni Heidelberg, aufmerksam geworden. Seit 2009 bietet er den Blog “Zeittaucher” über die Domäne “scienceblogs” an. Im Rahmen einer Universitätsveranstaltung, vermutlich “Zeitgeschichte und Journalismus” (?), wurde das Thema “historische Blogs” beforscht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren aufgefordert Weblogs zu sammeln und zu den einzelnen Webangeboten Rezensionen zu schreiben. Sowohl die bisher aufgefundenen Blogs als auch einige Rezensionen sind auf Zeittaucher abrufbar. weiter lesen

  • Anki 1.4 improvement: add a card to your deck on your iPhone #tools #

‘Wie soll sie’s [die Menge] denn auch wissen, wo sie im Rechten weder unterwiesen ist noch es von selbst je aus eigener Kraft sah, sondern sie fällt über die Angelegenheit her und stößt sie vor sich hin, ohne Verstand, einem Sturzbach im Unwetter gleich.’ (ein Gegner der Demokratie nach Herodot, zit. nach Dahlheim 1992, 200)

Storytelling 101

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Mit digitalen Erzählungen mit Windows Movie Maker hatte ich kürzlich im Unterricht experimentiert. Dieser Slidecast gibt eine schöne Einführung in die Methode und einige Grundprinzipien, wenn auch eine nicht zu unterschätzende Hürde die Technik darstellt. Nicht schlecht finde ich auch die Präsentation von Dr. Helen Barrett und Erin Barett, welche das Verfahren des “digital storytelling” in den Zusammenhang mit Personal Learning Environments (PLE) stellt. Eine der zentralen Aussagen ist meines Erachtens, dass sich in Erzählungen der individuellen Lernerfahrung eine ‘Stimme’ gibt. Narrative geben Anstoss bzw. Anlass zur Reflexion und Diskussion.

Die Präsentation gibt auch Hinweise, welche Aufgaben der Lehrkraft beim ‘digital storytelling’ zukommt. Der Lehrer soll die Lerner bei der Sammlung, der Reflektion, der  Verknüpfung von Wissen und der multimedialen Aufarbeitung unterstützen. Schön finde ich die praktischen Tipps (Folie 13ff), die sich mit meiner Unterrichtserfahrung decken. Beim ‘digital storytelling’ ist es von großer Bedeutung, den Lernern eine klare Rahmenvorgabe macht, wie das Endprodukt auszusehen hat. Für Barrett und Barrett handelt es sich um “emotionalen Content”, der durch die eigene Stimme personalisiert wird.
In meinem Unterricht einer Klasse 10 ging es darum, rückblickend auf die gehaltende Unterrichtsreihe, das Scheitern der Weimarer Republik zu erklären. Zunächst sollten die Schülerinnen und Schüler gemeinfreies Bildmaterial oder Bilder unter Creative Commons Lizenz suchen. Als Hilfestellung gab ich den Link zur Wikimedia Commons. Danach erhielten sie folgende Instruktion:

Liebe Schülerinnen und Schüler,
wir wollen in
Kurzvideos, in denen ihr maximal 15
Bilder
in einer Länge von maximal 3:30 Minuten verarbeitet, der Frage nachgehen, warum die
Weimarer Republik gescheitert ist. Bitte
ladet bis zum
01.02. das
Storyboard eurer Gruppe hoch
. Eine entsprechende Vorlage habe ich
für euch bereitgestellt.

Als Software kam Windows Movie Maker zum Einsatz. Diese Software war auf den Rechnern in unserem Infosaal bereits installiert. Die Storyboard-Erstellung war für einige Gruppen als Herausforderung. Es sollte die Punkte Jahr/Datum, Ereignis und Bedeutung (für das Scheitern) enthalten.
Einige Schülerinnen und Schüler wollten direkt mit der ‘production’ anfangen und die Phase der ‘pre-production’ überspringen. Doch mein eigentliches Ziel war, dass die Lerner eine Vorlage bzw. eine konkrete Vorstellung des eigenen Produkts erarbeiteten. Deshalb bestand ich auf diesen Punkt.
Die Produktion der Clips ging den meisten Gruppen schnell von der Hand. Abschließend sollten von Jamendo oder von Wikimedia Commons eine passende Hintergrundmusik ausgewählt werden. Nachdem die Videos erstellt waren, wurden sie in der Klasse vorgeführt uns besprochen. Interessant war, dass häufig die Passung der Musik einer der ersten Punkte im Rahmen des Feedbacks thematisiert wurde.
Aus geschichtsdidaktischer Perspektive denke ich, dass die Methode des ‘digital storytelling’ das Handlungsrepertoire der Lehrkräfte erweitert. Im beschriebenen Unterrichtsversuch lag der besondere Mehrwert darin, dass sich die Lerner handlungsorientiert und kreativ mit einer der zentralen Fragestellungen zur Weimarer Republik auseinandersetzten. Dabei kam in allen Beiträge die Multikausalität gut zum Ausdruck.
Beispiele aus Schülerhand gibt es hier und hier.