Achtung “Die Blogosphäre schlägt zurück” – oder: Wo ich die Gefahr sehe, dass Netzdiskurse zu Selbstläufern werden!

Über den Blog von Daniel bin ich auf ein Projekt von Dr. Christian Jung, Lehrbeauftrager an der Uni Heidelberg, aufmerksam geworden. Seit 2009 bietet er den Blog “Zeittaucher” über die Domäne “scienceblogs” an. Im Rahmen einer Universitätsveranstaltung, vermutlich “Zeitgeschichte und Journalismus” (?), wurde das Thema “historische Blogs” beforscht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren aufgefordert Weblogs zu sammeln und zu den einzelnen Webangeboten Rezensionen zu schreiben. Sowohl die bisher aufgefundenen Blogs als auch einige Rezensionen sind auf Zeittaucher abrufbar.
Aus dem Proseminar ist uns das Format “Rezension” geläufig. Jeder Historiker weiß, was es in der Geschichtswissenschaften damit auf sich hat. Als Textsorte legt die Rezension die Maßstäbe der Wissenschaft an. Sie behandelt “Inhalte wissenschaftlicher Erkenntnisse“. Konkret bedeutet dies, dass bestimmte Fragen in Bezug auf wissenschaftliche Literatur geklärt werden:

  • Welche Fragestellung bzw. welche Fragestellungen behandelt der Autor?
  • Welchen Ort bzw. welche Bedeutung hat bzw. haben diese für die bisher vorgelegte Forschung?
  • Welche Quellenbestände wurden ausgewertet?
  • Welche Methoden der Auswertung bzw. Interpretation kommen zur Anwendung?
  • Gibt es einen theoretischen Bezugsrahmen?
  • Ist die vorgelegte “Sinnbildung” – um mit Rüsen zu sprechen – in sich stimmig, logisch nachvollziehbar und intersubjektiv überprüfbar?

Pandel ordnet die Rezension in seinem jüngst erschienen Buch den “Erzählhandlungen” (Pandel 2010, 157) zu. Er stuft sie als kriteriengeleitete Metanarration ein. Leider habe ich die Kriterien, welche nun an die verschiedenen Webangebote angelegt wurden, (noch) nicht gefunden. Die Maßstäbe der Wissenschaft können kaum angelegt worden sein, dazu ist die Blogospähre zu Disperat, die verschiedenen Angebote zu heterogen. Es gibt – im Unterschied zum Forschungskontext – keine Standards, was einen “guten” Blog ausmacht. Vielleicht lässt sich auch daraus die Schärfe der Reaktionen erklären. Ich sehe die Gefahr, dass sich ein gut gemeintes Projekt schnell zum Selbstläufer mit ggf. ungewünschten Folgen entwickeln könnte. Ich habe bisher die Anzahl der moderierten Kommentierungen nicht ausgezählt, aber sie sind zahlreich. Zugleich lese ich sie als Notwendigkeit noch stärker – auch in meinen Veranstaltungen – auf Grundregeln der asynchronen Online-Kommunikation mit ihren Spezifika (Verlust wichtiger Hinweisreize zur adäquaten Interpretation von Aussagen) einzugehen.

Insgesamt ist, hier schließe ich mich Daniel an, eine Sichtung und qualitative Einschätzung, von “Geschichtsblogs” wichtig. Bedeutsam ist auch der von Jung betriebene Vorstoß, das Verhältnis von Web 2.0 und Geschichtswissenschaft auszuloten. Neuere Überlegungen (vgl. Schmale 2010) von Seiten der Fachwissenschaft deuten in die selbe Richtung. Aber wie könnte eine adäquate Methodik aussehen?

Achtung “innere Quellenkritik” – oder: Wie ich Online-Medien in Kontexten sehe!

Mit den vorgelegten Urteilen als Blogautor umzugehen ist gewiss nicht leicht. Persönlich musste auch ich, noch vor nicht all zu langer Zeit, schlucken, als ich die noch im Netz vorfindliche Arbeit von Danner (2009) las. Ein zweistündiges Unterrichtsexperiment (!) zum Einsatz von Wikis im Unterricht wurde zum Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Arbeit genommen. Zunächst stockte mir förmlich der Atem. Der Duktus der Arbeit war ein wissenschaftlicher, mein Zugang ein pragmatischer. Ich wollte einfach ausprobieren, ob Schülerinnen und Schüler mit einem Wiki zurecht kommen und eine unbekannte Bildquelle methodisch korrekt interpretieren können. Nicht mehr und nicht weniger…. Danner hingegen ging als Fachdidaktiker an die Sache, der einen theoretischen Entwurf (NarRatio) im Kontext einer Abschlussarbeit (!) entwickeln wollte. Dazu brauchte er Reibefläche. Da kam ihm natürlich die Publikation eines Gymnasiallehrers, welche bis dahin (2008) die einzige zu diesem Thema war, gerade recht. Der Aufsatz entstand allerdings in einem bestimmten Kontext unter bestimmten Bedingungen. Theoriebildung lag mir fern. Nachdem mir dieser Zusammenhang klar war, konnte ich besser mit der vorgelegten Kritik umgehen. Zunächst war ich aber im stillen Kämmerlein zugegebenermaßen zornig. Ich dachte: “Wie kann man so etwas schreiben? Über ein Schülerprojekt? Von zwei Stunden?”

Der Kern derartiger “Störungen” oder “Verunsicherungen” liegt meines Erachtens in der mangelnden Kontextualisierung von Online-Publikationen durch die Beurteiler. Dies wird auch aus der Diskussion um die Besprechung von Archivalia deutlich.

So handelte es sich bei meinem Blog “Geschichte und Neue Medien” um die ersten Gehversuche, sich mit diesem Medium auseinanderzusetzen. “Hands on!” war 2007 und ist 2010 für mich das Motto. “Quick and dirty!” Ich wollte (und will) einfach persönliche Erfahrungen, Materialien und Überlegungen aus der (unterrichtlichen!) Praxis für die (unterrichtliche!) Praxis weitergeben. Später erfuhr ich, dass die Bildungswissenschaften das “Wissensteilung” nennen. Ist die Geschichtswissenschaft und ihre Protagonisten schon bereit damit umzugehen?

Achtung “Adressaten” – oder: Wie ich Online-Medien für Adressaten zur Verfügung stelle!

Es freut mich, dass die Rezensentin Theresa Hermanns (Universität Heidelberg) mein Anliegen und meinen Kontext erkannt und berücksichtigt hat. Ob ihr allerdings bewusst war, dass dieser Anspruch für alle Inhalte geltend gemacht werden muss und Materialien z.T. aus meiner ganz konkreten unterrichtlichen Praxis kommen? Die Autorin stellt z.B. zu einem eingepflegten Tutorials fest:

In anstrengender Langsamkeit erklärt der Bloginhaber in mehreren
Kurzvideos, wie man Textfelder mit Inhalten oder Farbfüllung ausstattet.
Irritierend dabei ist der große gelbe Punkt, der wie eine Klette an der
Maus klebt und alle Schritte aufdringlich begleitet.

Meine Unterrichtserfahrungen zeigen eindeutig: Bei weitem nicht alle Schülerinnen und Schüler haben die Medienkompetenzen (hier Mediennutzung von Anwendungssoftware), um Aufgabenformate (z.B. Gestaltung einer Zeitleiste) mit digitalen Lernwerkzeugen ohne Hilfestellung zu bearbeiten. Mir ist bewusst, dass einen kompetenten User die Langsamkeit der Einstellungen irritieren, die Abfolge zu kleinschrittig erscheint. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler bereits die Fertigkeiten und Fähigkeiten besitzt, braucht er sich die einzelnen Sequenzen überhaupt nicht anzuschauen. Er legt einfach direkt los. Ich nenne das in Unterrichtskontexten Binnendifferenzierung.

Achtung “Fazit” – oder: Wie ich versuche, einen Anstoß zum Weiterdenken zu liefern!

Gelassenheit bleibt für mich ein wichtiges Stichwort, so dass ich auch mit Flüchtigkeitsfehlern in meinem Blog, die andere finden, leben kann :-). Es ist eben keine wissenschaftliche Publikation, aber auch in solchen geschehen bekanntermaßen Fehler. Vielleicht hätte Christian Jung und sein studentisches Team gut daran getan, die Kolleginnen und Kollegen aus der Blogosphäre vorab zu kontaktieren, um ggf. mehr über die Motivation, die (Entstehungs-) Zusammenhänge der Blogs und den betriebenen Zeitaufwand zu erfahren. Interessante Fragestellungen wären m.E.:

  • Welchem Beruf gehen “historische Blogger” nach?
  • Welche Altersgruppen sind vertreten?
  • Was ist ihre (explizit genannte oder implizit zu erschließende) Motivation?
  • Welches Anliegen wird verfolgt?
  • Welche Profile haben die einzelnen Angebote?
  • Lässt sich eine Typologie von Blogs ableiten?
  • Was ist ein Geschichtsblog?
  • Welche Repräsentationsformen bzw. -vermittlungsformen werden gewählt?
  • Wie sieht die Netzwerkbildung aus? Welche Netzwerke entstehen? Welche Kontakte werden (bewusst?) vermieden?
  • Wie verlaufen Diskurse, inhaltliche Bezugnahmen zwischen den Angeboten?
  • Gibt es Gütekriterien für Geschichtsblogs?
  • Welchen Beitrag leisten Blogs z.B. für das Geschichtsverständnis, die Geschichtskultur usw. im Bereich von “Public history“?

Hier liegt ein Forschungsfeld für eine empirische fundierte Netzwerkanalyse im Bereich von “Public history“. Die “historische” Blogosphäre als Forschungsgegegenstand, eine spannende Sache. :-)

Ich hoffe, dass der Beitrag so gelesen wird, wie er gemeint ist, nämlich konstruktiv: Wir leben in einer Zeit in der wir, d.h. alle willigen Internetnutzer – erstmals interaktiv und das im internationalen Zusammenhang – voneinander lernen können. Diese Chance sollten wir nicht verpassen!

P.S.: Inzwischen hat Jan [Hodel](2009) zum Einsatz von Social Software im Unterricht empirisch nachgelegt. Vom gleichen Autor sind auch die Reflexionen zur “Digitalen Historischen Methode” lesenswert.

P..S.S: Die Domäne Scienceblogs deutet an, dass hier auf wissenschaflticher Grundlage gearbeitet wird. Einige Fragen schossen mir direkt in den Kopf:

  • Wer ist der Betreiber dieser Domäne?
  • Was ist die Zielsetzung?

Über die denic war schnell ein gewisser Ari Wolochwianski (New York) ausfindig zu machen. Ihm gehört diese Domän, derzeitiger Markwert (41,985 €). Stehen hier kommerzielle oder wissenschaftliche Interessen im Hintergrund?

Ein Blick in die Rubrik “Über ScienceBlogs” zeigt:

Auf ScienceBlogs schreiben Forscher, was sie bewegt. Journalisten
veröffentlichen unredigiert. Das ist die Basis für einen neuen Dialog
aus erster Hand über die Rolle der Wissenschaft in Politik, Religion,
Philosophie, Kunst und Wirtschaft.

Ein “neuer Dialog” auch mit der Nichtwissenschaft – das wär in der Tat eine tolle Sache!